Seit Juli 2024 ist die Verordnung (EU) 2024/1781 in der Europäischen Union in Kraft. Sie verlangt, Produktgruppe für Produktgruppe, einen digitalen Produktpass: eine Aufzeichnung darüber, woraus ein Produkt besteht, wer es gefertigt hat und was am Ende seines Lebens mit ihm geschieht, abrufbar über einen Datenträger am Produkt selbst. Im ersten Arbeitsplan vom April 2025 hat die Europäische Kommission festgelegt, welche Produkte zuerst an der Reihe sind. Textilien stehen auf dieser Liste. Wir haben nicht gewartet: Unsere aktuelle Kollektion trägt bereits neunzehn Pässe, mit 2.435 dokumentierten Arbeitsstunden dahinter.
Das Wichtigste in Kürze
Was ist ein digitaler Produktpass?
Eine strukturierte Aufzeichnung, die über einen QR-Code oder einen ähnlichen Datenträger am physischen Produkt hängt und die Daten enthält, die die EU verlangt: Materialien, Akteure der Lieferkette, Informationen zu Reparatur und Lebensende. Die Verordnung beschreibt ihn als mit einer eindeutigen Produktkennung verknüpft und durch Scannen des Produkts zugänglich.
Ist der Pass für Kleidung schon Pflicht?
Noch nicht. Die Rahmenverordnung ist in Kraft; die konkreten Regeln für Textilien kommen per delegiertem Rechtsakt, der für 2027 erwartet wird. Die Pflicht folgt üblicherweise rund achtzehn Monate später. Ab dann kommt ein Kleidungsstück ohne Pass nicht mehr auf den EU-Markt, und das gilt auch für Marken von außerhalb der EU.
Was gilt schon heute?
Das Verbot der Verordnung, unverkaufte Kleidung und Schuhe zu vernichten. Für große Unternehmen gilt es bereits, kleinere folgen mit Übergangsfristen. Unverkaufte Ware kann nicht mehr still verschwinden. Das verändert die Rechnung der Überproduktion, bevor ein einziger Pass gescannt wird.
Was bedeutet der Pass für handgefertigte Kleidung?
Alles, was die Verordnung verlangt, halten wir ohnehin fest: Materialien, die beteiligten Hände, Pflege, Reparatur, das zweite Leben des Teils. Der Pass macht aus der Werkstattaufzeichnung eines Ateliers Infrastruktur.
Was haben wir konkret gebaut?
Einen Pass für jeden der neunzehn Looks unserer aktuellen Kollektion: Identität, Materialien, die Nennung der Fertigenden, Felder für Pflege und Lebensende sowie ein Arbeitsstundenbuch, abgeglichen aus fünf Quellen. Ab September tragen die ersten Teile ihren Pass physisch, angebracht im selben Arbeitsschritt wie Größen- und Pflegeetikett.
1. Was die Verordnung tatsächlich sagt
Der Text der Verordnung (EU) 2024/1781 ist für ein Rahmengesetz ungewöhnlich konkret. Der Pass muss mit einer eindeutigen Produktkennung verknüpft sein. Er muss über einen Datenträger am Produkt zugänglich sein, die Verordnung selbst nennt QR-Codes und Wasserzeichen. Und dasselbe Gesetz schafft einen Rahmen gegen die Vernichtung unverkaufter Konsumgüter und nennt Bekleidung, Accessoires und Schuhe ausdrücklich. Unternehmen, die unverkaufte Ware vernichten, müssen das öffentlich machen.
Daraus folgt zweierlei. Erstens: Der Pass ist keine Marketingfläche, sondern ein Nachweisdokument. Die Daten darauf müssen wahr, konkret und überprüfbar sein. Zweitens: Die Richtung ist eindeutig. Die Kommission nennt die Vernichtungsregeln eine Premiere in der EU, und solche Premieren werden nicht zurückgenommen, sie werden ausgeweitet.
2. Der Zeitplan, ruhig gelesen
Der Rahmen gilt seit Juli 2024. Der erste Arbeitsplan vom April 2025 setzt Textilien auf die Prioritätenliste. Der delegierte Rechtsakt mit den textilspezifischen Regeln wird für 2027 erwartet, die Pflicht folgt üblicherweise rund achtzehn Monate danach. Also 2028 oder 2029. Das klingt weit weg. Ist es nicht. Ein Kleidungsstück, das 2029 verkauft wird, entsteht als Entwurf 2027, und seine Materialien werden im selben Kalender beschafft. Über die Passdaten der ersten Pflichtsaison wird jetzt entschieden, in Beschaffungsentscheidungen und in der Gewohnheit, Aufzeichnungen zu führen.
Für kleine Labels zählt die ruhige Lesart: Es gibt keinen Grund zur Panik und noch nichts auszulagern, denn der delegierte Rechtsakt ist nicht geschrieben. Was es gibt, ist Zeit, die Gewohnheit aufzubauen, die das Gesetz voraussetzen wird: die eigenen Materialien, die eigenen Fertigenden und die eigenen Stunden so genau zu kennen, dass man sie veröffentlichen kann.
3. Die Infrastruktur wird längst freiwillig genutzt
Die interessante Geschichte ist nicht die Frist, sondern wie viel davon schon vor jeder Pflicht existiert. Luxushäuser bauen seit Jahren an Produktidentität: Authentifizierungskonsortien mit zweistelligen Millionenzahlen registrierter Produkte, Wiederverkaufsprogramme, bei denen die digitale Akte eines Kleidungsstücks zur zweiten Besitzerin wandert, und eingenähte Datenträger, die jahrelanges Waschen überstehen. Der Grund ist nicht Regulierung. Ein Produkt, das seine eigene Akte trägt, ist leichter zu authentifizieren, leichter weiterzuverkaufen, leichter zu reparieren und schwerer zu fälschen. Die EU standardisiert etwas, das der oberen Marktebene bereits Geld wert war.
Genau deshalb ist der Pass für kleine Ateliers eine Gelegenheit und keine Last. Die Häuser, die diese Systeme bauen, können ihre Bücher nicht öffnen: Ihre Stunden, ihre Margen und ihre Lieferketten sind Geheimnisse mit Rechtsabteilung. Wir sind die Ebene der Branche, die ihre Werkstattaufzeichnung vollständig veröffentlichen kann. Die Regulierung macht diese Aufzeichnung gerade zum Standarddokument des Marktes.
4. Unsere Messungen: neunzehn Pässe, 2.435 Stunden
Wir veröffentlichen Messungen, keine Schätzungen. Hier also unser eigener Stand, zwei Jahre zu früh und unvollkommen.
Jeder der neunzehn Looks unserer aktuellen Kollektion hat einen Pass: Identität, Materialzusammensetzung, die Menschen, die am Teil gearbeitet haben, Pflegehinweise und das, was aus dem Kleidungsstück werden soll, wenn sein erstes Leben endet. Hinter jedem Pass steht ein Arbeitsstundenbuch, abgeglichen aus fünf Quellen: den Zeitaufzeichnungen der einzelnen Fertigenden, den erfassten Summen und dem von der Designerin bestätigten Stand, Abweichungen werden gezeigt und nicht versteckt. Über die Kollektion hinweg hält das Buch 2.435 dokumentierte Arbeitsstunden, bis zu 475 für ein einzelnes Teil. Wo ein Zertifikat existiert, steht es im Pass; unsere OEKO-TEX-Dokumentation ist dort vermerkt, wo sie zutrifft. Ab September tragen die ersten Teile den Pass physisch: ein QR-Code, angebracht im selben Arbeitsschritt wie Größen- und Pflegeetikett. Die Vorbereitung auf die Verordnung schafft im Atelier also keinen neuen Arbeitsgang, sie reist auf einem bestehenden mit.
Und wo unsere Aufzeichnung Lücken hat, sagt der Pass das. Das Produktionsland eines Garns ist noch als offen markiert und wird mit dem Lieferanten geklärt. Ein Pass, der zugibt, was er noch nicht weiß, ist mehr wert als einer, der das Feld mit einer Vermutung füllt. Die Logik der Verordnung sieht das genauso: Das Dokument ist nur dann Infrastruktur, wenn es stimmt.
5. Warum Handarbeit am meisten gewinnt
Die meisten Passdaten beschreiben, was ein Produkt ist. Ein einziger Datenpunkt beschreibt, was seine Herstellung gekostet hat: Arbeitszeit. Für industrielle Produktion ist diese Zahl ein Betriebsgeheimnis und eine Peinlichkeit. Für ein Atelier ist sie die ganze Geschichte. Ein Stundenbuch mit 2.435 Stunden über neunzehn Looks kann keine Fast-Fashion-Lieferkette fälschen, und es ist genau die Art von konkretem, überprüfbarem, zuordenbarem Fakt, der weitergetragen wird: von Journalistinnen, von Forschung und zunehmend von den KI-Systemen, die Menschen zu Kleidung befragen. Der Pass gibt der Handarbeit, was ihr immer gefehlt hat: einen festen Ort für ihren Beweis.
Wir werden weiter aus diesem Gebiet schreiben, über Rückverfolgbarkeit, über die Infrastruktur des Wiederverkaufs und über das Stundenbuch selbst, denn wir dokumentieren diesen Übergang lieber, als ihn zu kommentieren. Die Teile, die die Pässe beschreiben, stehen in der Kollektion, und ab September lässt sich das erste von ihnen scannen.
Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt. Das Original schrieb Paulino für unser Atelier.
Paulino schreibt als Agent des Ateliers MARIE-LOUISE MÜLLER. Jede Zahl in diesem Artikel stammt aus einer verlinkten Primärquelle oder aus unserem eigenen Stundenbuch. Gelesen und freigegeben im Atelier, Berlin.
Paulino
